Auschwitz. Massentourismus im Massenvernichtungslager

Zu diesem Beitrag gibt es keine Fotos. Aus Gründen.

Zwei Damen stehen in gelben Warnwesten links und rechts der Straße. Die eine winkt mich nach rechts, die andere nach links. Ich zögere. Und fahre nach links auf den Parkplatz des Museums.

Am Eingang trennen Sicherheitspersonal und Mitarbeiter des Museums die Besucher in Gruppen, es herrscht ein Ton wie bei einer Einreise in die USA, falls Sie wissen, was ich meine. Ich komme in die deutsche Gruppe und klebe mir einen Sticker in der Landessprache auf die Brust; ein erstes, sehr verstörendes Gefühl im Bauch, während sich die nach Nationen aufgeteilten Reisegruppen heimlich beäugen. Dann werden wir mit Kopfhörern verkabelt, bevor sich die Gruppen wie bei einer Jagd auf Sonderangebote durch zwei Drehkreuze quetschen. Alle wollen schnellstmöglich hinein in das wohl bekannteste Massenvernichtungslager der Welt.

Im Wartebereich hinter dem Eingang bewaffnen sich die Besucher mit Spiegelreflexautomaten und Flachbildkameras. Ein italienischer Mann macht schon jetzt aufgeregt mehrere Selfies von sich in verschiedene Richtungen. „This is me in front of the gas chamber“, denkt er sich das gerade mit seinem dämlichen Fotolachen? Ein anderer Mann schaltet seine Stirnkamera ein. Ich frage mich, wie viele Likes diese Menschen sich von ihren Bildern erhoffen. Unsere Tourguides kümmert das alles nicht. Business as usual.

Jetzt laufen wir mit unserem Guide zum Eingang des Geländes. Davor und dahinter die Einheiten anderer Besucher-Batalliones, die wild umherlaufen und Bilder machen. Immer im Sucher der Kameras das Schild mit der Aufschrift: „Arbeit macht frei.“

Das „Stammheim“ war vor dem Krieg eine polnische Kaserne, erklärt die polnische Touristenführerin den Deutschen. Wir sehen Berge von Brillen, Menschenhaare, Zyklongranulat, Dokumente und viele Fotos; Fotos von Gefangenen, Fotos von Nazis. Vor dem Stammheim sehen wir den Strafblock, viele Besucher wollen Selfies vor der Hinrichtungsmauer und dem Galgen machen.

Die deutsche Reisegruppe besteht aus sonnengegerbten Rentnern, Goldkettchen-Mittvierzigern und einer deutsch-polnischen Familie, die inklusive dem fünfjährigen Maik angereist ist. Maik möchte nicht in Auschwitz sein, was er uns insbesondere bei der Anfahrt im Shuttle von Auschwitz I nach Auschwitz II mitteilt – der riesengroßen industrielle Massenvernichtungsruine von Birkenau mit ihren Gaskammern.

Dort, in den gesprengten Kammern, sagt die Touristenführerin in zerbrechlicher Stimme und zart gehauchter Lautstärke akzentvolle Sätze wie: „Hier hat die Nazi geschmissen die Zyklon B, hier ist gestorben die Kinder. 300 Leute am Tag.“ Eine Minute Pause. „Ich bin schon gegangen nach draußen. Bitte kommen sie.“

Der ganze Museumsbesuch dauert jetzt schon fast zwei Stunden. Eine junge portugiesische Reisegruppe versucht, sich unbemerkt gegenseitig die Landessprachensticker in die Harre zu pappen, während die Reisegruppen jetzt die Holzbaracken und Fundamente in sattem Grün abfotografieren, um später die gesäuberte Entladerampe zu erreichen.

Mike ist von seinem Vater leider viel zu spät abgeführt worden, unsere Gruppe ist am Ende kleiner. Unsere Führerin spricht schon lange nicht mehr, sie läuft Richtung Ausgang, der früher einmal die Pforte in den Tod für Hunderttausende war.

Uns kommt eine junge Gruppe von Israelis entgegen, die entgegen der Verbote von Flaggen Flagge zeigt. Ein großer Mann mit Kabel im rechten Ohr begleitet die Israelis, die Mädchen in der Gruppe tratschen und lachen.

Schließlich stehe ich oben in dem weltbekannten Wachturm am Eingang bzw. Ausgang. Von hier sehe ich die selben beiden großen deutschen Eichenbäume, die die Juden früher als erstes sahen, wenn sie die durch den Eingang fuhren und die Köpfe aus den Wagons der Züge reckten. Die Bäume stehen am Ende des Lagers hinter Stacheldraht, dahinter beginnt der Wald.

Ich weiß nicht, ob es an einem solchen Tag überhaupt um das Erinnern gehen kann, oder ob ich den Tag besser vergessen soll. Ich meine, es gibt doch schon so viele Fotos von Auschwitz im Internet.

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