Indonesien: „Auch wenn du keinen Gott hast, wollen wir ein Selfie mit dir, Mister“

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Besser ein Foto mit Haramboy als gar kein Foto

Ich arbeite immer wieder ein paar Monate im Jahr im Wasserland. Dies sind die Bemerkungen eines angestrengten Journalisten auf Reisen.

Als Reporter in Indonesien bin ich ständig in engem Kontakt mit der Bevölkerung wie die Ärzte des Tropeninstitutes es formuliert haben. Das bedeutet: Ich spreche ein bisschen Bahasa Indonesia, führe die Hand nach der Begrüßung zum Herz, esse gebratenen Reis am Straßenstand, gehe auf Toilette in die Hocke und dusche kalt aus dem Eimer. Ich liebe das – zwei Monate pro Jahr.

Indonesier sind herzlich und offen. Sie führend nichts im Schilde, sie sind neugierig. Aber sie sind auch unfassbar anstrengend. Als alleinreisender Journalist bin ich manchmal isoliert, manchmal habe ich zehn Tage lang keinen Bule gesehen – so heißen „Weiße“ in Indonesien. Isolation macht frei, kreativ, aber sie wird nach einiger Zeit schwierig, weil die lokale Bevölkerung mich auf meine Eigenheiten als Bule reduziert.

Die Indonesier meinen das nicht böse. Sie wollen wissen, wo ich herkomme, wohin ich fahre, in welchen Hotel ich schlafe, was in meinem Gepäck ist. Sie haben nie gelernt, sich Gedanken darüber zu machen, ob mich das nicht misstrauisch macht. Wie es sich anfühlt, wenn sie in meinen Geldbeutel neben mir an der Kasse lünkern. Mehr noch: Sie wissen nicht, dass ich mitbekomme, wenn sie über mich reden oder lachen, sie haben dafür kein Gefühl. Sie zeigen mit dem Finger auf mich und rufen „Bule.“ Sie haben kein Bewusstsein für diese positive Form von Rassismus entwickelt, die ihnen insgesamt nicht gut tut. Denn sie drückt am Ende jene Unterwerfung aus, die Bule über Jahrhunderte missbraucht haben, um sich an den Indonesiern zu bereichern.

Einzig die Punks in Aceh machten sich die Mühe „people of colour“ im Google Translator zu suchen, weil sie das Wort Bule vermeiden wollten. Jene ausgestoßene Gruppe, die verteufelt wird, weil sie dem Islam den Rücken gekehrt hat und kifft und trinkt. Während die muslimischen Indonesier häufig leider Glaube mit Wissen verwechseln, und sich sicher sind, Bule kommt in die Hölle, wenn er nicht konvertiert (Was freilich eher ein insgesamt islamisches Problem ist, denn ein Indonesisches). Mit Nächstenliebe hat das leider nicht so viel zu tun, finde ich. Ebenso wenig Liebe wird Verrückten entgegengebracht, die in Aceh auf Sumatra mit blau geschlagenen Augen und hinkend durch die Straßen laufen müssen.

Mich fordert es nach Wochen in Isolation heraus, nicht böse zu werden über das Unwissen der Menschen hier. Was mich besonders herausfordert: „Mister, one picture, please.“ Die Indonesier sind verrückt nach Fotos. Wie viele Bilder musste ich machen? 200 Bilder? Ich habe Bilder mit Krankenschwestern nach meinem Motorradunfall machen müssen, Bilder mit Polizisten bei Kontrollen, Selfies mit Familien vor dem offenen Sarg der toten Oma. Bilder mit mehreren Schulklassen, bei denen die Lehrer sich stritten, wer das Foto macht und wer mit drauf darf. Ergebnis: Museumsbesuch abgebrochen, ich konnte mich nicht mehr vor den Fotowütigen retten.

Das Highlight dieser Fotomanie: Ich wanderte am Tobasee auf Sumatra und machte Bilder mit indonesischen Wanderern. Am nächsten Tag kam eine junge Frau etwas verstohlen im Restaurant auf mich zu: „Excuse me, Mister, this is you.“ Die fremde Frau zeigte mir ihren Facebook-Feed und tatsächlich sah ich mich dort mit den Wanderern und 200 Likes konfrontiert. Natürlich schmeichelt mir das, aber es beängstigt mich in erster Linie. Und macht nachdenklich, wo doch tätowierte Arme im Islam als Sünden gelten, als haram, aber ein Foto mit Bule muss trotzdem für Instagram sein. Das ist bigott.

Wie gläsern bin ich hier? Ich reserviere eine Fahrt oder ein Hotel und muss dazu ein Bild meines Passes verschicken und plötzlich kennt das gesamte Hotelteam meinen Geburtsort. Oder Mitarbeiter eines Busunternehmens zeigen mir ein Bild von meinem Pass, als ich zur Abfahrt eintreffe. Toll. Einmal klopfte abends um zehn ein Mann vom Militär an meine Hoteltür in Aceh, um zu fragen, was ich vorhabe. Ich bräuchte keine Sorge haben, das hier sei kein Verhör eines Journalisten, man wolle mich nur absichern. Das Hotel hatte zuvor ein Bild meines Passes an den Militärvertreter geschickt, wie ich später erfuhr. Bei mir blieb natürlich ein anderer Eindruck als derjenige, man wolle mich absichern.

Mit Bussen, Autos, Motorbikes stehe ich übrigens wie alle Indonesier immer im Stau, wenn irgendwo mehr als 10.000 Menschen leben. Stau, genannt Macet, ist wie auf den Philippinen ein großes Problem. In Jakarta dauert deswegen jedes Meeting etwa einen Arbeitstag. Es gibt einfach nur eine Regel: Wer zuerst kommt, fährt zuerst.

So ist der Verkehr immer auch ein Abbild der Gesellschaft. Viele kleine Männer fahren auf Rollern ihrer Wege, sie scheinen immer unterwegs zu sein, für ein paar Rupiah. Wer es sich leisten kann, fährt klimatisiert und angeschnallt einmal morgens und einmal abends mit dem Auto ins Büro, damit die Klamotten nicht dreckig werden. Und wer größer ist, hat zwangsläufig öfter Vorfahrt, ist aber auch öfter Schuld, wenn es knallt.

Niemand würde deswegen aus Wut hupen. Hupen gehört schlicht zum Grundrauschen dieser Gesellschaft. Es ist der Soundtrack zu einem beschäftigt erscheinenden Land, das in Wirklichkeit unfassbar langsam ist.

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