Kampf um die Brustmilch

DieTricks auf dem Milchmarkt: Wie die Hersteller von Babymilch Vermarktungs-Gesetze ausspielen

In Asien gibt es einen Megamarkt für Babynahrung. Hersteller werben mit allen Mitteln um die Gunst stillender Mütter – mit teils tödlichen Folgen für Säuglinge. Einige Länder haben Marketing-Gesetze eingeführt. Produzenten wie Nestlè oder Danone wissen trotzdem, wie man Milchpulver verkauft. 

Ärztin Vietnam Wermter
Diese Ärztin kämpft für das Stillen – und wird verfolgt

Sie habe sich nie für Brustmilch-Ersatzprodukte interessiert, an Babymilch, auch nicht als sie vor drei Jahren schwanger war, sagt Tinh (30) aus Hanoi, Vietnam. Erst im Krankenhaus, vor und nach der Geburt, wurde sie von Milchpulver-Verkäufern mit Kostproben und Geschenken überhäuft. „Wir müssen doch noch nichts bezahlen, haben sie gesagt.“

Im Gegenzug für die Gratis-Proben gab Tinh ihre Daten heraus: Adresse, Handynummer, Geburtstag ihres Kindes. Die dünne Dame mit Hornbrille wollte ihren Sohn auf jeden Fall nach der Geburt stillen, so viel stand fest. Zu Hause angekommen riefen Verkäufer von Milchpulver sie ständig an: „Ob ich wohl genug Brustmilch habe? Wie groß mein Sohn jetzt ist? Ich könnte in diesen oder jenen Supermarkt fahren und bekäme Gratisproben, oder ich könnte zwei Dosen zum Preis von einer kaufen.“ Trotzdem stillte sie weiter, anstatt Industrienahrung zu füttern.

Nach vier Monaten musste Tinh zurück in das Management des Hotels, für das sie als Kauffrau arbeitet. Hier sitzt sie in der Mittagspause am leeren Frühstücksbuffet und erzählt über ihre Angst damals, nicht genug Milch abpumpen zu können. „Ich war gestresst, und dachte, ich hätte nicht genug Nährstoffe in meiner Milch.“

Tinh ging die Proben und Flugblätter durch, die sie gesammelt hatte. Einige Produkte versprachen eine bessere Entwicklung des Baby-Gehirns, andere warben mit rasant wachsenden Säuglingen. „Im Internet fand ich heraus, dass Glico die größten Kinder macht. Außerdem benutzten das viele Freunde.“ Schließlich kaufte Tinh die erste Dose Babymilchpulver.

Babymilch ist das am schnellsten wachsende Verpackungsprodukt der Welt, ein hochkonzentrierter 47-Milliarden-Dollar-Milchpulvermarkt, der sich in den nächsten drei Jahren gar verdoppeln soll. Der größte Anteil fällt auf asiatische Länder, auf China, Indonesien oder Vietnam. Das Ziel: Mütter sollen Pulverkonzentrat aus der Flasche statt Milch aus der Brust geben.

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Eine Mutter in Indonesien und ihre mit Babymilch gefütterte Tochter. Viele Familien sind von den Produkten abhängig, können diese aber kaum bezahlen

Dafür nehmen Hersteller Ärzte, Hebammen und Schwestern in Asien unter Vertrag, um Babymilch schon im Krankenhaus an die Mutter zu bringen. Zeitgleich bombardieren Vertreiber Familien mit Kosproben und Geschenken. Milchpulver-Produzenten pflegen aber auch Kontakte zu Gesundheitsministerien, sie bezahlen Spielbereiche in Kinderkliniken und Kindergärten, veranstalten Gymnastikkurse für Mütter oder Talentshows für Kleinkinder. Sie spionieren sogar Still-Aktivistinnen aus, sagen diese.

Mit diesen Taktiken erreichen Hersteller asiatische Familien, in den Slums von Jakarta oder in der vietnamesischen Provinz, die gar nicht die richtigen hygienischen Bedingungen vorfinden, um Babymilch zu füttern. Sie müssen Nuckel und Fläschchen in kontaminiertem Wasser waschen oder sie mischen das Pulver damit. Bei manchen Müttern reicht es sogar nur zur mit Wasser verdünnten Kondensmilch. Die Kinder bekommen teils tödliche Durchfälle. Zudem sind die Produkte für asiatische Familien sehr teuer, einige verzichten zu Gunsten des Pulvers auf eine ausgewogene Ernährung, oder einen Kühlschrank. Die Weltgesundheitsorganisation schätz, weltweit könnten 820.000 Kinder durch richtiges Stillen vor dem Kindestot gerettet werden, und empfiehlt in den ersten sechs Monaten nur die echte Milch aus der Brust.

Schon seit 1981 versucht die Weltgesundheitsorganisation dem Treiben der Hersteller einen Riegel vorzuschieben, mit einem Kodex für die Vermarktung von Brustmilch-Ersatzprodukten. Hersteller sollen nicht mehr direkt an Mütter oder Krankenhauspersonal herantreten, Babymilch-Werbung soll aus dem öffentlichen Raum verbannt werden. Erst in den vergangenen Jahren haben asiatische Länder den Kodex in ihren Gesetzen teilweise gewürdigt.

Allerdings hakt es bei der rechtlichen Umsetzung. Der Kodex wird durch das International Babyfood Action Network (IBFAN) überwacht, einer NGO, die sich seit dreißig Jahren für Stillen einsetzt. Annelies Alain ist eine der zentralen Figuren von IBFAN in Asien, sie ist die Autorin des Reports „Breaking the rules, stretching the rules“, den die Aktivisten herausgeben. Auf fast 300 Seiten dokumentiert die Organisation hunderte Verstöße.

Babymilch-Produzenten versichern uns stets, sie würden sich um Regelverstöße kümmern, oder sie winken ab, und behaupten, ihre Zentralen bekämen gar nicht mit, wenn es an der Basis Verstöße gibt. Doch sie brechen weiter die Gesetze zur Vermarktung, und werben mit abenteuerlichen Slogans. Und sie beschäftigen ein Heer von Anwälten und Strategen, das versucht, Schlupflöcher zu finden.“

Was Alain meint, zeigt sich in Vietnam, einem Land, das als fortschrittlich im Mutterschutz und in gesetzlichen Regeln für die Vermarktung von Babymilch gilt, aber eben nur formal. Das japanische Produkt Glico, das Tinh ihrem Sohn gab, kann man hier unübersehbar in einer Spielzeughandlung finden. Auf den Dosen der Säuglingsmilch bis sechs Monate ist ein Babygesicht abgebildet – darüber haben die Vertreiber als Zensur das Importsiegel geklebt. Nur ein klitzekleiner, kaum bemerkbarer Verstoß gegen den Kodex im Vergleich zu Glicos Treiben im Vinmec-Krankenhaus, einer der besten medizinischen Adressen in Vietnam.

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Eine junge Mutter in Vietnam mit dem Produkt der Wahl: Aptamil.

Im Mai dieses Jahres verteilten Krankenschwestern hier blaue Jutebeutel auf den Babystationen, darauf prangerten Vinmec- und Glico-Logo. Neben Kostproben für Produkte, die im Supermarkt in der Nähe erhältlich sind, waren darin enthalten auch Milchpulverproben von Glico – samt Produktanleitung auf Japanisch anstatt Vietnamesisch, wie es die Regeln fordern. Folglich wusch eine Mutter ihre Babykleidung in dem Pulver im Irrglauben es handele sich um Waschmittel, sagt sie.

Ein Besuch im September 2017 bei Vinmec: Die Vermarktungsregeln spielen noch immer keine Rolle. Auf der Kinderstation, wo Familien ihre Babys nach der Geburt regelmäßig durchchecken lassen, sitzt eine Glico-Werbefrau gelangweilt auf der Wartebank. Neben ihr der Werbestand, auf dem Glico-Exemplare ausgestellt sind, daneben liegt eine Liste, auf der sich heute ein Dutzend Mütter eingetragen hat. Und auch Kostproben stehen bereit.

Mit den Ergebnissen der Recherche konfrontiert waren weder Glico noch Vinmec zu einer Stellungnahme bereit.

Ebenso verstoßen Hersteller in öffentlichen Krankenhäusern gegen die Regeln. Im städtischen Krankenhaus von Hanoi sieht es aus wie auf einem Bahnhof. Werdende Mütter schlafen auf Gittersitzen oder auf dem Boden. Wer entbindet, zieht samt weiblichen Familienangehörigen ein, die Pakete von Windeln und Babymilch-Dosen in das Krankenzimmer schleppen. Das Krankenhaus stellt bisweilen nicht einmal Medikamente zur Verfügung. Deshalb haben sich rund um das Krankenhaus Apotheken und Kleinhändler angesiedelt, die neben Medikamenten Babymilch vom Boden bis zur Decke stapeln.

In dem Krankenhaus sind gleich vier Verkaufsstände von Milchpulver-Produzenten aufgebaut. Der Trick: Sie bewerben dort offiziell Milchpulver für schwangere Frauen, also spezialisierte Produkte, die den Fötus und die werdende Mutter stärken sollen. Der Stand des US-Herstellers Abott fällt auf. Neben einer jungen Verkaufsdame stehend wirbt auch eine schwangere Frau für das Produkt. Auf die Frage, welches Milchpulver für Säuglinge denn am besten sei, tritt die Vorgesetzte der beiden Frauen hinzu, die zuvor von einem Gittersitz in der Nähe zusah.

Sie sollten Milchpulver für Ihre Frau und später Ihr Baby verwenden“, sagt sie. Ihre Kolleginnen holen unter der Theke eine Similac Box hervor – Babymilch für Säuglinge. Das Produkt suggeriert unter dem Slogan „EyeQ“ mit seiner speziellen Milchformel die Sehkraft und das Gehirn des Babys zu fördern. „Sie bekommen auch ein Geschenk, müssen aber sofort bezahlen.“ Für umgerechnet acht Euro ist die Dose direkt im Krankenhaus erhältlich.

Der Grund, warum Abott wohl wenig Angst hat entgegen der Vermarktungsregeln in einem öffentlichen Krankenhaus für Babymilch zu werben: Das Unternehmen unterstützt das vietnamesische Gesundheitsministerium technisch und finanziell, etwa bei der Entwicklung der nationalen Gesundheits-Richtlinien für werdende und stillende Mütter, wie vietnamesische Medien berichteten.

Mittlerweile haben Milchpulver-Produzenten den Kampf um junge Mütter in soziale Netzwerke verlagert. Mütter können dort Bilder von ihren Babys und dem Produkt der Wahl hochladen und bekommen im Gegenzug Rabatt oder Geschenke. Oder Hersteller werben bekannte weibliche TV-Gesichter an, die sich in Gruppen gütig über Milchpulver-Produkte äußern.

Der Kampf um die Muttermilch ruft die entsprechende Gegenbewegung hervor: In Vietnam heißt sie Betibuti – gestilltes Baby. Die Gruppe hat über Hunderttausend Folgende in sozialen Medien, ihre Mitglieder beraten Mütter in Fragen zum Stillen online oder direkt im Krankenhaus. „Dort macht es aber nur Sinn, wenn die Großeltern und der Ehemann auch dabei sind. Die Unterstützung der ganzen Familie ist wichtig“, sagt Minh Nga. Sie ist eine der Betreiberinnen von Betibuti.

Nachdem ihre Tochter direkt nach der Geburt im Säuglings-Saal mit Babymilch vollgepumpt worden sei und sich mehrfach übergab, während Minh Nga schlief, bekam sie Zweifel an der künstlichen Muttermilch. „Zwei andere Mütter und ihre Babies hatten das selbe Problem.“ Später habe sie verstanden, die ersten Stunden nach der Entbindung seien essentiell für Mutter und Kind, um Stillen zu etablieren – Skin on Skin genannt. Die Schwestern seien geschult, dies zu verhindern, und je mehr Babymilch sie fütterten, desto schwieriger sei es, die Kinder an die Brust zu gewöhnen.

Heute versucht sie, werdende und frische Mütter über die Risiken von Babymilch aufzuklären. Ihr jüngstes Projekt heißt Starfish: Babies sollen zurück an die Brust geführt, „wie Seesterne zurück ins Wasser geworfen werden“, sagt Minh Nga. Eine der Ärztinnen, die bei dem Projekt helfen, ist Dr. Ha. Sie betreibt eine Kinderklinik im zweiten Stock ihres Wohnhauses.

In einem hellen Raum stehen etwa zehn Pritschen, darüber hängen Bilder von Babies, die stehend noch an der Brust saugen, während die Mutter auf den Knien hockt. Einige Mütter warten an die Wand gelehnt darauf, ihre Säuglinge von Dr. Ha untersuchen zu lassen. Kinder die schreien, werden von ihr über das Knie gelegt und bekommen auf den Po. Irgendwann ist Ruhe. Immer wieder geht sie hinüber zu den Pritschen, auf denen Mütter mit entblößter Brust liegen, um sich von Dr. Ha massieren zu lassen.

Früher wurde Dr. Ha in Fünf-Sterne-Hotels eingeladen, zusammen mit privaten Hebammen, wo sie geschult wurde, dass Babymilch in den ersten drei Tagen nach der Geburt unerlässlich ist. Auf diesen durch Hersteller finanzierten Schulungen sei sie angesprochen worden, Babymilch im Krankenhaus zu bewerben. „Sie ließen uns das Milchpulver zur Hälfte des Preises zum Weiterverkauf.“ Manchmal luden Hersteller wie Nestlé sie und ihre Kollegen in teuere Restaurants ein, nur so, zum Quatschen, sagt sie. Heute gilt die gelernte Physiotherapeutin als Nestbeschmutzerin, sagt sie, und möchte daher ihren echten Namen hier nicht lesen.

Dr. Ha erzählt, wie viele Mütter verunsichert seien, weil ihnen Ärzte und Schwestern einredeten, sie sollten in den ersten Tagen 30 Milliliter pro Mahlzeit füttern, bis die Muttermilch nach drei oder vier Tagen einschießt. Besonders verunsichert seien Mütter mit Wochenbettdepression – leichte Beute für Produzenten. Unwissen über Stillen und falsche Anleitungen paare sich dann mit Gruppenzwang, den Großmütter, Nachbarn und Freunde auf Mütter ausübten, sagt Dr. Ha. „Warum benutzt du keine Babymilch? Unsere Kinder wachsen schneller. Solche Sachen.“

Hinzu kommen in Vietnam kulturelle Bräuche, die es Müttern erschweren, das Stillen durchzuhalten. Bis zu drei Monate dürfen manche Mütter weder duschen noch die Haare waschen, stattdessen müssen sie täglich sechs Eier und Schweinefüße essen, dazu gibt es Kondensmilch mit Wasser. So soll die nach der Geburt schwache Mutter und ihre Milch vor Krankheit geschützt werden. Von dieser Diät versprechen sich Schwiegermütter, bei der Mutter und Säugling traditionell nach der Entbindung wohnen, mehr Milcheinschuss, so der Aberglaube. Doch Mütter berichten, sie glauben, eher weniger denn mehr Milch zu produzieren. Das setze wiederum Schwiegermütter unter Druck, die dann Babymilch füttern, die sie im Fernsehen gesehen haben.

Erstaunlich ist, wie sich der Babymilchmarkt in verschiedenen Ländern gleicht. Eine Reise durch Indonesien zeigt, auch hier wird getrickst und geschummelt. Hier stapeln sich die gleichen Dosen bis unter die Decke im Supermarkt, Danone verschickt über soziale Medien Einladungen zu einem Infoabend über Allergien und Nestlé ruft im Mai 2017 zur „Mama Class“, einer Talkshow für werdende Mütter. Eine Hebamme hat stolz im Juli 2017 ein Bild hochgeladen, es zeigt vier Kartons voll Kostproben von Nestlé, „für meine Kunden“, schreibt sie. Moment, ist es den Produzenten nicht verboten, direkt an Mütter und Personal heranzutreten?

Und wenn sie die Regeln nicht brechen, versuchen Hersteller, sie zu umgehen. Mit Cross-Promotion von Milchpulver für Schwangere. Selber Name und selbe Farben wecken bei Müttern die selben Erinnerungen hervor, wenn sie irgendwann vor dem Babymilch-Regal stehen“, sagt Annelies Alain von IBFAN. Der Trend der Schwangeren-Milch ist nicht nur ein Trick, um direkt mit Müttern in Kontakt zu bleiben, sondern so können Hersteller auch legal medizinisches Personal erreichen.

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Hebamme Nurul Uul vor einem Produkt, für das ihre Mutter, ebenfalls Hebamme, einen Werbevertrag unterschrieb

Nurul Uul wollte immer Hebamme werden, so wie ihre Mutter, ihre Schwestern, ihre Tanten. Vor acht Jahren fing sie an, im Familienbetrieb zu Hause zu arbeiten – nicht in einem Puskesmas, einem öffentlichen, indonesischen Krankenhaus. In der Privatklinik der Uuls finden Voruntersuchungen und Impfungen statt, aber das Kerngeschäft sind Entbindungen.

Rechts des pompösen Wohnzimmers befindet sich ein Gang, an einem Ende das Büro, am anderen drei hintereinander liegende Räume: Das Krankenzimmer mit Pritschen, der Kreissaal, das Bad. Hier kommen etwa 30 Kinder pro Jahr zur Welt. Zuvor waren es bis zu 120, doch seit einer indonesischen Gesundheitsreform – scherzhaft als Obama Care bezeichnet – ist die Entbindung in Puskesmas gratis. Nur noch die Un-Registrierten, die Armen vom Land, müssten auf Privatkliniken wie ihre zurückgreifen, sagt Uul.

In der ersten Zeit als Hebamme im Familienbetrieb bemerkte sie, „wie viele Mütter Probleme mit dem Stillen hatten, oder schlicht nicht wussten, wie das geht. Darüber war ich überrascht. Meine Mutter hatte diese Fragen nie beantwortet, weil sie darüber nichts weiß.“ Also ließ sie sich zur Stillberaterin ausbilden.

Sie kennt auch andere Trainings für Hebammen, jene von der Industrie gesponserten, zu denen sie nicht mehr geht, seit sie vor einem halben Jahr diese Erfahrung machte: „Dort wurden Geschenktüten mit großen Babymilchdosen drin verteilt – Milchpulver für Schwangere. Die Vertreiber sagten, wir sollten das Pulver mal ausprobieren. Und dürften die große Dose behalten.“ Sie denkt, solche Treffen würden nur aus einem Grund initiiert: Um ihre Kontaktdaten zu bekommen.

Denn zwei Monate später wären Vertreiber der selben Firma in die Privatklinik der Uuls gekommen, und hätten gefragt, ob sie für Milchpulver für Schwangere werben könnten. „Und wenn wir zustimmen, fragen sie uns nach einer Weile, ob wir auch Babymilch bewerben würden.“ Wer zustimme, bekäme Geld, einigen befreundeten Hebammen seien sogar Pilgerfahrten nach Mekka angeboten worden.

Nurul Uul greift hinter sich in den Schrank hinter dem Schreibtisch. Ihre Mutter hat schließlich doch einen Vertrag unterschrieben, um die Milch für Schwangere zu bewerben. Die Mutter habe etwa 230 Dollar dafür bekommen. Wobei, einen Vertrag habe sie gar nicht unterschrieben, niemand mehr bekäme jetzt einen Vertrag. „Die Produzenten sind eben sehr vorsichtig geworden.“ Immerhin seien nun auch ihre Mutter und andere Hebammen nun vorsichtiger und würden es ablehnen, die verbotene Babymilch zu bewerben.

Daneben haben es Babymilch-Produzenten verstanden, auch auf legalem Weg den Absatz enorm zu steigern. Sie staffeln einfach die Produktpalette aus, um Konsumenten zu verwirren. Nestlé bietet stolze 165 und Danone 173 Babymilchprodukte über verschiedene Tochtergesellschaften für unterschiedliche, sich aber überschneidende Altersgruppen an – als Säuglingsmilch, Folgemilch, Wachstumsmilch. Daneben gibt es Milch für die Schulzeit, für die stillende Mutter, die werdende Mutter, die Mutter mit Kopftuch, die viel Vitamin D braucht, wegen dem Lichtmangel.

Die Produkte werden mit bestimmten Ingredienzen beworben, die laut einer Studie wissenschaftlich fragwürdig sind. Die selben Produkte auf dem asiatischen Markt kosten bis zu drei Mal so viel wie in Europa, und sie boxen ein gigantisches Loch von bis zu der Hälfte des Einkommens in die Geldbeutel asiatischer Eltern. Denn wer will nicht das Beste für sein Kind? Und das ist im Zweifel die diebstahlgesicherte Premium-Aluminum-Box hinter der Theke und nicht das billige Pulver aus dem Pappbeutel im Regal. Obwohl beide Produkte die mehr oder weniger selben Chemikalien enthalten.

Wie es sich anfühlt, wenn man seinem Kind um jeden Preis etwas bieten möchte, erzählt Viet Hong Ngo (29) aus Vietnam. Nach sechs Monaten musste sie zurück an ihren Arbeitsplatz beim Finanzamt Hanoi, wo auch ihr Ehemann arbeitet. In Vietnam können sich Mütter dann aussuchen, ob sie eine Stunde weniger arbeiten, oder ob sie in der Mittagspause schnell nach Hause fahren. „Ich bin in der Pause mit dem Roller nach Hause geeilt, stand aber oft im Stau. Meine Milch wurde weniger und weniger.“ Nach ein paar Wochen gab sie auf.

Viet laß Artikel über Babynahrung im Internet, und sie verglich bekannte Produkte. Sie verstand, sie müsse sich zwischen Gewichtszunahme und Gehirnentwicklung für ihre Tochter Khan Chi entscheiden. „Wir alle sehen kleine Dickerchen auf Verpackungen und in der Werbung. Das ist das Ideal hier.“ Khan Chi wird von der Familie liebevoll Pikachu gerufen – nach dem japanischen Comic-Character.

Sie fütterte ihren Pikachu zuerst mit japanischen Produkten, ohne sichtbaren Erfolg. Schließlich kam sie auf die Babymilch Aptamil von Milupa, die zum Danone-Konzern gehört. „Aptamil ist aus Deutschland und enthält viel Vitamin B3 für die Gewichtszunahme. Das ist das Beste für mein Kind. Es gibt aber keinen Importeur für Vietnam.“ Stattdessen gibt es bei Soc&Brothers die Babymilch Nutricia von Danone, die genau so wie Aptamil aussieht. „Nutricia wird in Lettland produziert, und enthält Omega-3-Säuren, die gut für Augen und Gehirn sind. Aber ich wollte doch, dass mein Baby größer wird.“

Also musste Aptamil aus Deutschland her, Freundes-Freunde brachten es, oder sie bestellte online. Für vier Dosen pro Monat gibt sie 150 Euro aus, was in etwa ihrem monatlichen Einkommen entspricht. „Aptamil ist eben der BMW der Babymilch.“ Viet sagt, sie wolle Pikachu noch füttern, bis sie zwei ist, so empfiehlt es die Packungsbeilage. Also nur noch ein paar Wochen. Dann kann die Familie planen, ein weiteres Kind groß zu ziehen. Dann haben sie dafür Geld übrig, sagen sie.

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